G’mar chatima tova | גמר חתימה טובה | May you be sealed for good

Beim hebräischen Wort „Yom Kippur“ denken ältere Deutsche fast automatisch den Zusatz „Krieg“ hinzu. Der Yom-Kippur-Krieg, das war im Oktober 1973, als ägyptische Truppen am höchsten jüdischen Feiertag Israel angriffen, die Bar-Lev-Linie überrannten und den halben Sinai zurückeroberten – bevor sie nach kurzem, aber verlustreichen Krieg wieder zurückgedrängt wurden. Wenige Jahre später haben beide Staaten Frieden geschlossen. Yom Kippur, das ist auch das Fest der Versöhnung, denn exakt das wünschen sich Juden seit Jahrhunderten an Yom Kippur.

Versöhnung als Utopie?

Das Fest der Versöhnung und Reue ist überschattet von dem Attentat eines Rechtsextremen auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr. 2019 versuchte ein schwer bewaffneter Mann an Yom Kippur in die Synagoge in Halle einzudringen und nur eine stabile Holztür bewahrte die mehr als 50 jüdischen Gläubigen darin vor einer Katastrophe. Aus Wut und Frust über sein Fehlschlagen tötete der Attentäter zwei Passanten, die nicht zur jüdischen Gemeinde gehörten.

Mit Menschen wie dem Attentäter von Halle, die das Judentum als „minderwertige Rasse“ betrachten, ist Versöhnung unmöglich. Ebenso mit Leuten, die den jüdischen Staat Israel vernichten wollen. Und gegen all diese extremistischen Minderheiten muss der Gedanke der Versöhnung verteidigt werden. Und das darf eine offene Gesellschaft nicht nur den Sicherheitsbehörden überlassen.

Daher fordern wir von jedem Bürger dieses Landes sofortigen und lauten Widerspruch, wenn antisemitisch gehetzt wird. Notfalls auch eine Strafanzeige – denn das, das ist keine Denunziation, sondern gelebte wehrhafte Demokratie. Dieses Klima braucht es, damit Versöhnung gedeihen kann. Auf allen Ebenen.

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