Meine Gedanken zur „Heroisierung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg“ – ein Beitrag von Thorsten Kraft

Wenn man in Deutschland alljährlich am 20. Juli dem fehlgeschlagenen Attentat auf Adolf Hitler in der Wolfschanze gedenkt, fallen immer wieder die Begriffe „Widerstand, Verantwortung und Mut“. In der Süddeutschen nennt Heribert Prantl den 20. Juli „die mutigsten deutschen Tage“, im Jahr zuvor zum 75. Jahrestag fordert man sogar, dass „Stauffenberg und seinen Respekt gebührt“.

Man ist sich einig und stimmt ein in den Chor der Bundeskanzlerin, die die Verschwörer des 20. Juli 1944 zu Widerstandskämpfern und Vorbildern verklärt, wie Angela Merkel (CDU) 2019 in einer Gedenkfeier erklärte. Ihre „klare Haltung, ihr Mut“ müssten „uns auch heute leiten“, sagte Merkel. Ihr Vorgehen bleibe eine Mahnung. „Sie mahnen uns, wachsam zu sein. Sie mahnen uns, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus in all ihren Erscheinungsformen entschieden entgegenzutreten.“ Auch das sei „Dienst für unser Land“.

Doch taugen der Wehrmachtsoffizier Stauffenberg und die anderen Attentäter wirklich als Vorbilder für exakt diese Themen und waren sie wirklich die mutigen Helden, wie man es an diesen Tagen immer wieder gebetsmühlenartig betont? Um es vorweg zu nehmen: Nein. Denn die Empörung über die Schoa war es nicht, die die meisten Männer des 20. Juli in den „Widerstand“ trieb. Vielmehr war es 1944 die Erkenntnis, dass der Krieg wohl verloren sei und der beratungsresistente Diktator Deutschland wohl nun endgültig in die Katastrophe steuert.

Proteste angesichts der Rassenpolitik der Nationalsozialisten, also etwa eine Reaktion auf die Nürnberger Rassengesetze von 1935 oder eine Reaktion auf die Pogrome im November 1938 oder etwa auch auf die sofort mit Kriegsbeginn einsetzende Verfolgung und Unterdrückung der Juden, sucht man in der Biografie des zum Helden und Vorbild stilisierten Zeitgenossen vergebens. Ganz im Gegenteil: Dem nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsgedanken standen Stauffenberg und die meisten anderen Widerständler um den 20. Juli wohl eher zustimmend als ablehnend gegenüber. Beispielhaft dafür sind unter anderem Briefe Stauffenbergs an seine Frau Nina. In ihnen beschreibt er z.B. seine ersten Eindrücke in Polen unmittelbar nach Kriegsbeginn. „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt.“

Wie tief der Antisemitismus bei einigen der Protagonisten rund um Stauffenberg verwurzelt war, belegt ein Zitat von seinem Mitverschwörer General Erich Hoepner aus der Planungsphase unmittelbar vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion: „Es ist der Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus.“ Und mit Arthur Nebe hatte man sogar einen handfesten Massenmörder mit an Bord, der als Kommandeur der SS-Einsatzgruppe B am 22. Juli 1941 stolz gemeldet hatte: „In Minsk gibt es keine jüdische Intelligenz mehr.“

Vorbilder? Dazu eignen sich wohl die wenigsten Mitglieder aus dieser Gruppe von Verschwörern. Und genau deshalb bleibt die Erinnerung an die Attentäter problematisch und zwiespältig. Die Deutschen brauchen Symbole für Widerstand, damals wie heute. Diese Symbole jedoch kritiklos zu präsentieren, greift zu kurz und blendet viel Unangenehmes aus, vor allem ihren Antisemitismus.

Es gab eine kleine Anzahl Anderer, weniger berühmtere Personen, die da anders waren. Das sind z.B. die „Gerechten unter den Völkern“, die von Yad Vashem geehrt werden oder aber Georg Elser, wenn es schon ein Attentäter auf Hitler sein soll.

Warum also hält man in Deutschland an der Gruppe um Graf von Stauffenberg fest?

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